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Der Bauchfleck der Klugschmeisser

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Diese Überschrift enthält zwei Substantive, deren Bedeutung erklärungsbedürftig erscheint. Unter einem Bauchfleck versteht man in Österreich einen missglückten Sprung ins Wasser, bei welchem die gravitationsbedingt freiwerdende Energie (meistens schmerzhaft!) mit der Vorderseite des Oberkörpers abgefangen wird. Der hochdeutsche Ausdruck hierfür lautet: Bauchklatscher oder auch Bauchplatscher. Bei der Lektüre des zweiten Vokabels wird der Leser die Vermutung hegen, dass hier ein Tippfehler vorliegt und das „m“ nach dem „sch“ zu streichen ist. Zur Aufklärung sei klargestellt, dass es sich hier um keinen Tippfehler handelt, die skizzierte Assoziation allerdings bewusst intendiert ist und in erster Linie der Vermeidung von Wörtern dient, deren Benutzung mit dem Niveau dieses Mediums unvereinbar erscheint. Diese neue Wort-Kreation beschreibt daher Menschen, welche – oftmals in geradezu religiösem Eifer – gerne mit ihrer (subjektiv empfundenen) Klugheit um sich werfen.

Bei dieser Personengruppe handelt es sich um Menschen, die meistens urban geprägt sind, häufig über eine qualitativ hochwertige Ausbildung verfügen und stark narzisstische Tendenzen in sich tragen. Es ist unmöglich hier eine bestimmte politische Richtung festzustellen, dieser Typus ist häufig im links-grünen Wähler-Segment, aber auch im klassischen bürgerlichen Lager anzutreffen. Er neigt dazu bei hochkomplexen Fragen einfache und von der Regierung vorgebende Antworten zu akzeptieren und blickt verächtlich auf jene Menschen (in seiner Weltsicht: Verschwörungstheoretiker) herab, die diesbezüglich eine andere Meinung vertreten. Gerade in den letzten drei Jahren ist diese – ansonsten inhomogene Gruppe – besonders durch ihre aggressive Arroganz aufgefallen. Der Klugschmeisser sieht sich selbst als Mitglied einer elitären Gruppe und fühlt sich daher berechtigt dozierend auf seine Mitmenschen einzuwirken. Es lassen sich gewisse Analogien zu diversen Sekten ziehen, deren Mitglieder sich ebenfalls für auserwählt halten und dies als Legitimation für die Missionierung ihrer Umgebung ansehen. Genau diese postulierte Distanz wirkt ausgesprochen anziehend für die narzisstischen Bedürfnisse des Klugschmeissers und macht ihn daher auch sehr rasch zum Opfer diverser Missionierungsversuche eben dieser Sekte. Mögliche Kontakte zu Sektenmitgliedern ergeben sich nicht nur aus dem privaten und persönlichen Umfeld, sondern auch durch die Konsumation der sogenannten Leitmedien, welche (und hier ist an erster Stelle der öffentlich-rechtliche Bereich zu nennen) eine Hochburg der Klugschmeisser-Sekte darstellen und daher im 24-Stundentakt, quer durch das gesamte Programm, ihre missionarischen Botschaften verkünden. Auch im Nationalrat war die Missionierung offenbar sehr erfolgreich, wie sich unter anderem am Ergebnis der Abstimmung über die sogenannte Impfpflicht zeigen lässt.

Die metaphysische Basis des Klugschmeissers bildet jenes ontologische Gebilde, welches er als „die Wissenschaft“ definiert. Die Inhalte dieser „Wissenschaft“ werden ihm durch die bereits erwähnten Leitmedien, aber auch durch sogenannte Wissenschaftskommunikatoren vermittelt, deren Botschaften für den Klugschmeisser von geradezu prophetischer Bedeutung sind. Ebenfalls von essentieller Bedeutung ist Twitter, welches aufgrund der massiven Zensur- und Shadow-Banning-Eingriffe eine Echokammer der Missionierung darstellte und daher als ein digitales Kloster betrachtet werden kann. Im Unterschied zum katholischen Vorbild erfolgen Zensur und Gehirnwäsche aber nicht auf Geheiß Roms, sondern durch den amerikanischen Geheimdienst. Bestätigung für seinen Glauben holt sich der Klugschmeisser häufig über sogenannte Faktenchecks, wobei er in seinem religiösen Wahn allerdings nicht registriert, dass die dort präsentierten „Fakten“ in überaschenderweise den Wünschen der Finanziers dieser Portale entsprechen und auch (welch Wunder!) fast immer das offizielle Narrativ unterstützen.

Die Klugschmeisser wandelten bei der Mainstream-Lektüre ihrer Offenbarungen in einem regelrechten dionysischen Rausch, man hatte sogar den Eindruck, dass sie ihre Panik- und Hetzlektüre benötigten wie andere Menschen ihre Grundnahrungsmittel. Was bei den alten Römern „Brot und Spiele“ waren, wurden für die Klugschmeisser „Brodnig und Salomon“. Sie be-Rauscher-ten sich geradezu an diversen Standard-Artikeln und waren in ihrem Exzess blind für warnende Worte und eindringliche Merksprüche, wie etwa:

Mein Freund, du bist in großer Not,

denn du wandelst zwischen Moder und Tóth!

Basierend auf diesen (oftmals apokalyptischen) Offenbarungen sind den unwissenden Ketzern in der Pandemiezeit gehörig die Leviten gelesen worden. Mit einer geradezu unverschämten Arroganz wurden die Ungläubigen als Schwurbler, Rechtsextreme, Aluhutträger und Verschwörungstheoretiker beschimpft, sowie zu wissenschaftsskeptischen und intellektuell (wie moralisch) unterentwickelten Subjekten degradiert, welche in jeder Weise diskriminiert und diffamiert werden konnten. Hier konnten alle narzisstischen Neigungen der Klugschmeisser gesellschaftlich und juristisch legitimiert ausgelebt werden. Vermutlich war dieses Gefühl von ebensolcher Erhabenheit, wie wenn Gläubige diverser abrahamitscher Religionen in Verzückung verfallen, wenn sie sich an den fiktiven Qualen der Hölleninsassen weiden können.

Die Kommunikation zwischen Sektenmitgliedern und Außenstehenden gestaltet sich in mehrerlei Hinsicht schwierig. Aufgrund ihrer Auserwähltheit erscheint es den Klugschmeissern als überflüssig mit Nicht-Klugschmeissern zu diskutieren, der Fachbegriff hierfür lautet False Balance. Erschwerend kommt hinzu, dass – wie bei vielen religiösen Fundamentalisten – schon die unterschiedliche Bewertung der Heiligen Texte ein erhebliches Kommunikationshindernis darstellt. Während die Klugschmeisser andächtig lauschend die Behauptungen ihrer Experten für eine göttliche Wahrheit ansehen und Kritik an diesen Offenbarungen als Sakrileg betrachten, können die Ungläubigen über diesen Weltzugang nur mitleidig lächeln. Diese erblicken in diesen Experten nämlich meistens sogenannte „Pharmahuren“ beziehungsweise fachlich wenig versierte Pseudoexperten, die einige Zeitgenossen – in geradezu unglaublicher Respektlosigkeit – mit dem Ausdruck „PR-Clown“ bezeichnen. Und bei diesen Voraussetzungen ist Missverständnissen naturgemäß Tür und Tor geöffnet. Die Klugschmeisser sehen sich als die Vertreter eines wissenschaftlichen Weltbildes und als engagierte Aufklärer, in den Augen der Ungläubigen erschienen sie allerdings vielmehr als bemitleidenswerte Opfer der medialen Gehirnwäsche und der Pharmaindustrie, welche allerdings weniger als verblendet, sondern vielmehr als ver-Drostet wahrgenommen wurden. Böse Zungen sprechen in diesem Zusammenhang auch gerne vom Dunning Kruger Effekt.

Genau dieser Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bewirkt auch andere Probleme in der Kommunikation. Aufgrund der – für Sektenmitglieder typischen – Scheuklappenmentalität fühlen sich die Klugschmeisser als Verkünder der unwiderlegbaren Wahrheit und sind hier unfähig zur kritischen Selbstreflexion. Sie sind daher nicht in der Lage Fehler der Vergangenheit zu registrieren, beziehungsweise sich diese einzugestehen, dafür ist ihr Narzissmus einfach zu stark ausgeprägt. Genau diese Fehler werden aber von Außenstehenden als Indikator für die fehlende Kompetenz der Klugschmeisser herangezogen.

Was bedeutet dies also in der Praxis? Gehen wir dazu in eine ausgesprochene Klugschmeisser-Hochburg, also den Journalismus der Leitmedien. Man brauchte – wie etliche Beispiele von normalen Bürger beweisen – nun wahrlich keinen Abschluss an einer medizinischen Fakultät um zu bemerken, dass bei der Pandemie- und Impfgeschichte etliches nicht ganz stimmen kann. Wer als Journalist nicht in der Lage war dies zu erkennen, beziehungsweise Dinge zu hinterfragen oder die entsprechenden Fakten zu recherchieren und sich stattdessen auf ein Hirngespinst wie den „wissenschaftlichen Konsens“ berief, der hat – das muss man offen aussprechen – ein erhebliches Kompetenzproblem. Nicht umsonst wird von einigen Zeitgenossen die Corona-Zeit als Intelligenztest bezeichnet, und in diesen Tagen wird immer offensichtlicher, wer diesen nicht bestanden hat.

Die Kritiker der Klugschmeisser stellen hierzu nun einige grundlegende Fragen, wie etwa:

Wie sollen Menschen, die nicht einmal in der Corona-Zeit das Offensichtliche erkannt haben, denen wirklich jeder Blödsinn als wissenschaftliche Wahrheit verkauft werden konnte und die überdies auf jeden Propaganda-Trick der Regierung hereingefallen sind, wie können solche Menschen ernsthaft für sich in Anspruch nehmen die hochkomplexen Zusammenhänge der Klimatologie zu durchschauen und dann in missionarischem Klugschmeisser-Eifer behaupten, dass der menschengemachte Klimawandel eine wissenschaftlich gesicherte Tatsache sei?

Dies sind nicht nur Themen der Selbstreflexion, sondern auch der Seriosität, und auch hier existieren grundlegende Fragen, wie zum Beispiel:

Wie soll eine Wiener Redaktion, die es nicht einmal schafft über die vor ihrer Haustüre stattfindenden Anti-Corona-Maßnahmen-Demos auf der Ringstraße seriös zu berichten und die hier lediglich diffamierende Propaganda-Artikel produziert hat, in welchen die Teilnehmer wahrheitswidrig pauschal als Nazis, Verschwörungstheoretiker und esoterische Spinner beschimpft wurden, wie können solche Redakteure nun ernsthaft glauben, dass sie hinsichtlich des Kriegsgeschehens in der Ukraine über den nötigen Durchblick verfügen?

Diese Überlegungen haben auch Konsequenzen für jene Mitmenschen, die nach wie vor diese Leitmedien konsumieren und – auch ohne jetzt unbedingt als Klugschmeisser zu agieren – immer noch die Ansicht vertreten, dass sie von diesen Quellen umfassend und kompetent informiert werden. Genau diese – auch in ihrer Weltfremdheit sektenartig wirkende – Parallelgesellschaft ist eine der Hauptursachen für die Spaltung der Gesellschaft. Auf der einen Seite wird es wohl eine Aufgabe für psychologisch geschulte Berater sein, diesen Menschen mit einem Gesprächsangebot entgegenzukommen (frei nach der Devise: „Komm, lass uns über dein Thema reden“), auf der anderen Seite erscheint es sinnvoll unsere, vom Klugschmeissertum geprägten Mitmenschen, über die Problematik ihrer Heiligen Texte aufzuklären.

Die suggestive Wirkung eben dieser Heiligen Texte und der diversen Propheten bewirkte nämlich – wie auch bei anderen Sekten – eine zunehmende Realitätsverzerrung, die bis zu richtigen Halluzinationen reichen konnte. So sahen die Klugschmeisser plötzlich auch dort Rechtsextreme, wo in Wirklichkeit gar keine waren. Ferner betrachten sie Menschen, die über einen üppig ausgefüllten Impfpass verfügen, als Impfgegner und erblickten in Menschen, welche die Existenz von Viren in keiner Weise in Abrede stellen, regelrechte Coronaleugner. Und man gewann den Eindruck, dass die Klugschmeisser in ihrer Religionsausübung durchaus glücklich waren.

Doch die Phase der religiösen Verzückung währte nicht lange. Nachdem drei Jahre ins Land gezogen sind und sich so manche Verschwörungstheorie als wahr herausstellte, die apokalyptischen Prophezeiungen nicht in Erfüllung gingen und auch die vielgepriesene und sakrosankte Erlösungsspritze nicht jenes Heil bringen konnte, welches herbeigebetet worden war – die „heilige, injektive Kommunion“ erwies sich als teilweise schwer verdaulich und so mancher ist an dieser Oblate auch erstickt – kam es zu massiven Abspaltungen in der Klugschmeisser-Sekte. Diverse „heilige“ Wahrheiten werden plötzlich in Abrede gestellt, Leitmedien berichten plötzlich über Impfschäden, die es bei einer sicheren Impfung eigentlich gar nicht geben dürfte, und so mancher Apostel der Spritze weigert sich nun weitere erlösende Injektionen zu konsumieren. Das Licht der Aufklärung hat scheinbar den Untergang der Klugschmeisser-Sekte eingeläutet. Derzeit herrscht eine Stimmung wie auf einem sinkenden Schiff, und es gilt das Motto: Rette sich, wer kann! Politiker beschuldigen nun ihre handverlesenen Experten der Fehleinschätzung, diese wiederum spielen den Ball zurück an die Politik. Andere wiederum erklären, sie hätten diese Entscheidungen aus Solidarität und gegen ihre Überzeugungen getroffen, wiederum andere sprechen die Gebets- und Beschwörungsformel: „Wie hätte man das wissen können?“, ohne aber eine Erklärung zu liefern, wieso viele andere genau das bereits damals gewusst haben. Die Erklärungsversuche pendeln zwischen reiner Panikhandlung und geradezu theologischer Kreativität in dem Sinn: „Es ist doch logisch die Gleichung aufzustellen: 1=3.“ Das Bild des Klugschmeissers hat sich dramatisch verändert. Glich er noch vor kurzem einem stolzen Hahn, der von seinem angehäuften Scheinwissen herab auf die armen Querdenker-Würmer einhackte, bietet er jetzt eher das Bild eines gerupften Huhnes, das verzweifelt einen Unter- oder Durchschlupf sucht und den ganzen Boden mit den gelassenen Federn bedeckt. Manche Zeitgenossen betrachten diesen dichten Federnteppich als einen Mantel des Schweigens, der so manchem Federvieh juristische Konsequenzen und damit den Weg in den Suppentopf ersparen soll.

Das Ende dieser spezifischen kultischen Ausprägung bedeutet aber keineswegs das grundsätzliche Ende der Klugschmeisser-Sekte, diese mutiert nämlich rascher als das Coronavirus. In ihrem heiligen Wahn haben die Gläubigen überhaupt nicht registriert, dass das mit „der Wissenschaft“ und den „Experten“ nicht ganz so einfach ist, wie sie gerne glauben würden. Aus Klugschmeisser-Experten für Viren werden rasch Osteuropa-Experten und Klimatologen, die nun – teilweise basierend auf den gleichen Heiligen Schriften wie in der Pandemie – in den Heiligen Krieg ziehen und zur Missionierung der Friedens-Schwurbler, Putinversteher und wissenschaftsskeptischen Klimaleugner aufrufen. Man darf also auf den nächsten Bauchfleck gespannt sein. Und um es klar zu sagen: Jeder hat das Recht einen Bauchfleck zu machen! Problematischer Weise ist so ein Bauchfleck leider eine überaus zweischneidige Sache. Für die Zuseher wirkt er teilweise durchaus belustigend, allerdings besteht das Risiko, dass andere Badegäste angespritzt werden oder sonst zu Schaden kommen. Anders formuliert: Wer Aktivitäten ausübt, die er nicht beherrscht, stellt eine Gefahr für sich und andere dar. Aber soweit denken unsere Klugschmeisser eben nicht. Vernünftige Menschen werden nämlich aus Erfahrung klug und überlassen derartige Sprünge lieber denen, die das auch wirklich können.